Warum Symptome eine Geschichte haben
- Michael Sassenberg
- 20. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Kennen Sie das?
Der Körper meldet sich. Der Schlaf wird unruhig. Die innere Anspannung bleibt, obwohl äußerlich vielleicht gar nichts Dramatisches passiert ist. Vielleicht kreisen die Gedanken immer wieder um dieselben Themen. Vielleicht kommt Angst auf, obwohl Sie sich sagen: „Eigentlich gibt es doch keinen Grund.“ Oder ein Tinnitus tritt stärker in den Vordergrund, sobald Stress, Erschöpfung oder innere Unruhe zunehmen.
Der erste Wunsch ist dann verständlich: Es soll weggehen.
Niemand muss Symptome schönreden. Angst, Depression, Schlafstörungen, Grübeln, innere Unruhe oder Tinnitus können sehr belastend sein. Sie stören den Alltag, die Konzentration, Beziehungen und manchmal auch das Vertrauen in den eigenen Körper.
Und trotzdem kann eine zweite Frage hilfreich sein:
Was, wenn das Symptom nicht nur stört, sondern auch etwas erzählt?
In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie geht es nicht darum, Beschwerden vorschnell zu deuten. Es geht darum, behutsam zu fragen: Warum zeigt sich dieses Symptom gerade jetzt? Was ging ihm voraus? Welche alten Muster, inneren Konflikte oder Beziehungserfahrungen könnten daran beteiligt sein?
Ein Symptom verschwindet nicht immer dadurch, dass man es bekämpft. Manchmal verändert es sich erst, wenn man versteht, wofür es steht. — Dr. med. Michael Sassenberg

Erst abklären, dann verstehen
Gerade bei körpernahen Beschwerden ist eines wichtig: Symptome müssen zunächst sorgfältig medizinisch abgeklärt werden.
Schlafstörungen, Erschöpfung, Herzklopfen, Schwindel, Schmerzen oder Tinnitus können unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb wäre es unseriös, vorschnell zu sagen: „Das ist psychisch.“ Eine ärztliche Abklärung gehört dazu, besonders wenn Beschwerden neu auftreten, stärker werden oder ungewohnt sind.
Gleichzeitig gilt: Wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen oder ausreichend behandelt sind, kann dennoch eine seelische Ebene beteiligt sein.
Mein alter Psychotherapielehrer sagte in seinem professoral-humorvollen Ton manchmal:
„Manchmal ist ein Ei einfach nur ein Ei – und muss nicht therapiert werden.“
Nicht jedes Symptom muss eine verborgene frühkindliche Geschichte haben. Nicht hinter jeder Schlafstörung steht ein verdrängter Konflikt. Nicht jeder Tinnitus erzählt automatisch von seelischer Überforderung.
Aber manchmal eben doch.
Und dann lohnt sich ein ruhiger, genauer Blick.

Wenn Schlaf und Tinnitus mehr Raum einnehmen
Vielleicht merken Sie, dass Ihr Schlaf nicht einfach nur schlecht ist.
Sie liegen im Bett, der Körper ist müde, aber innerlich läuft etwas weiter. Gespräche vom Tag tauchen wieder auf. Unerledigtes drängt sich auf. Alte Sorgen melden sich. Vielleicht hören Sie den Tinnitus deutlicher, sobald es still wird. Gerade dann, wenn eigentlich Ruhe einkehren sollte, wird es innerlich lauter.
Das kann sehr zermürbend sein.
Man versucht, sich zu beruhigen. Man liest Ratschläge. Man nimmt sich vor, gelassener zu werden. Vielleicht klappt das für ein paar Tage. Dann kommt die nächste Belastung, und das alte Muster ist wieder da.
Aus tiefenpsychologischer Sicht wäre die Frage nicht nur: Wie unterbrechen wir das Grübeln?
Sondern auch: Warum darf innerlich keine Ruhe entstehen? Was kommt hoch, wenn nichts mehr ablenkt? Welche Gefühle, Konflikte oder alten Verpflichtungen melden sich, sobald der Tag still wird?
Ein Symptom ist nicht weniger wirklich, nur weil seelische Zusammenhänge daran beteiligt sind.
Symptome können mit alten Mustern verbunden sein
Vielleicht kennen Sie diesen inneren Satz: „Ich muss funktionieren.“
Oder: „Ich darf niemandem zur Last fallen.“
Oder: „Wenn ich Nein sage, enttäusche ich andere.“
Oder: „Ich muss stark bleiben, sonst kippt alles.“
Solche Sätze entstehen selten zufällig. Oft haben sie eine Geschichte. Vielleicht waren sie früher einmal sinnvoll. Vielleicht halfen sie, Konflikte zu vermeiden, Anerkennung zu bekommen oder in einer schwierigen Umgebung zurechtzukommen.
Ein Kind, das früh spürt, dass eigene Bedürfnisse stören, lernt vielleicht, sich zurückzunehmen. Ein Kind, das für Ruhe sorgen muss, wird aufmerksam für jede Stimmung. Ein Kind, das nur über Leistung gesehen wird, entwickelt vielleicht den Eindruck: Ich bin nur wertvoll, wenn ich etwas bringe.
Das war damals nicht unbedingt falsch. Es war oft eine kluge Anpassung.
Schwierig wird es, wenn dieselben Muster später weiterlaufen, obwohl die Lebenssituation längst eine andere ist.
Was früher Schutz war, kann später zur Grenze werden.
Wenn der Körper ausspricht, was lange keinen Raum hatte
Manchmal meldet sich ein Symptom dort, wo Worte lange gefehlt haben.
Vielleicht haben Sie Ärger zu oft heruntergeschluckt. Vielleicht Trauer zu lange beiseitegeschoben. Vielleicht Belastung so selbstverständlich getragen, dass Sie selbst kaum noch bemerkt haben, wie viel es war.
Dann sagt der Körper irgendwann nicht höflich: „Wir sollten gelegentlich über Grenzen sprechen.“
Er meldet sich direkter.
Mit schlechtem Schlaf. Mit Druck. Mit Unruhe. Mit Erschöpfung. Mit Angst. Manchmal auch damit, dass ein ohnehin vorhandener Tinnitus plötzlich viel stärker in den Vordergrund rückt.
Das bedeutet nicht, dass der Körper „nur psychisch“ reagiert. Es bedeutet eher: Körper und Seele lassen sich nicht so sauber trennen, wie wir es manchmal gern hätten.

Warum Selbstkontrolle oft nicht reicht
Vielleicht haben Sie schon viel versucht.
Früher schlafen. Weniger Kaffee. Mehr Bewegung. Weniger Grübeln. Positiver denken. Nicht so empfindlich sein. Sich zusammenreißen.
Manches davon kann hilfreich sein. Struktur, Bewegung, Schlafhygiene und Entlastung sind wichtig. Aber wenn ein Symptom mit einem alten inneren Konflikt verbunden ist, reicht Selbstkontrolle oft nicht aus.
Dann wird vielleicht ein Symptom leiser, aber die Spannung bleibt. Sie sucht sich später eine andere Stelle: mehr Reizbarkeit, mehr Rückzug, mehr körperliche Anspannung oder eine noch größere Erschöpfung.
Die tiefenpsychologische Frage lautet deshalb nicht nur: Wie werde ich das Symptom los?
Sondern: Was müsste verstanden und durchgearbeitet werden, damit das Symptom nicht immer wieder gebraucht wird?
Was Psychotherapie hier leisten kann
Psychotherapie kann solche Zusammenhänge nicht durch einen schnellen Satz lösen. Aber sie kann einen Raum schaffen, in dem ein Symptom nicht nur bekämpft, sondern verstanden wird.
In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie schauen wir gemeinsam: Wann tritt das Symptom auf? Was ging ihm voraus? In welchen Beziehungen wird es stärker? Welche Gefühle tauchen auf – oder werden gerade nicht gespürt? Welche alten Muster könnten mitspielen?
Mit der Zeit kann klarer werden, dass ein Symptom nicht isoliert dasteht. Es kann Teil einer inneren Geschichte sein.
Psychotherapie kann helfen, solche Konflikte nicht nur zu erkennen, sondern sie in der therapeutischen Beziehung und im Alltag zu bearbeiten. Manchmal können alte Muster dadurch nachhaltig gelöst oder zumindest deutlich freier gestaltet werden.
Wichtig ist: Das geschieht nicht durch Druck. Es geschieht durch Verstehen, Wiedererkennen, Durcharbeiten und neue Erfahrungen.
Ein anonymisiertes Fallbeispiel
Ein Mann Mitte fünfzig kam wegen eines Tinnitus, der medizinisch abgeklärt war und unter Belastung deutlich stärker wurde. Besonders abends, wenn es still wurde, trat das Geräusch in den Vordergrund. Dazu kamen Schlafstörungen, innere Unruhe und ständiges Grübeln.
Zunächst wirkte es, als gehe es nur um Stress. Im Gespräch wurde aber deutlicher, dass er seit Jahren vieles mit sich allein ausmachte. Beruflich war er zuverlässig, familiär zurückhaltend, nach außen kontrolliert. Ärger zeigte er kaum. Bedürfnisse auch nicht.
Wenn andere etwas von ihm wollten, sagte er meistens Ja. Später lag er wach und ging innerlich alle Gespräche noch einmal durch.
In der Therapie wurde langsam sichtbar, dass er früh gelernt hatte, Ruhe zu sichern, indem er sich selbst zurücknahm. Der Tinnitus war nicht einfach „psychisch“. Aber er wurde zu einem Signal: Da ist zu viel Spannung, die keinen anderen Ausdruck findet.
Die Veränderung kam nicht plötzlich. Doch er begann, früher zu bemerken, wann er sich überging. Und manchmal konnte er aussprechen, was sonst nur im Körper weitergearbeitet hatte.
Was Sie selbst beobachten können
Diese Fragen ersetzen keine Therapie. Sie können aber helfen, ein Symptom etwas anders wahrzunehmen:
Wann tritt das Symptom besonders deutlich auf?
Was ist kurz vorher passiert – äußerlich oder innerlich?
Welche Gefühle wurden vielleicht nicht ausgesprochen?
Gibt es Situationen, in denen Sie sich selbst übergehen?
Was würde das Symptom erzählen, wenn es eine Geschichte hätte?
Es geht nicht darum, sich selbst zu analysieren. Es geht um ein erstes behutsames Hinschauen.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist
Professionelle Hilfe kann sinnvoll sein, wenn Symptome über Wochen oder Monate bestehen, wenn sie Alltag, Beruf oder Beziehungen beeinträchtigen oder wenn Sie merken, dass Ihr innerer Spielraum kleiner wird.
Das gilt besonders bei Angst, depressiver Verstimmung, Schlafstörungen, starker Erschöpfung, quälendem Grübeln, innerer Unruhe oder körpernahen Beschwerden, die unter Belastung stärker werden.
Wenn Gedanken auftreten, sich das Leben zu nehmen oder sich etwas anzutun, sollte umgehend professionelle Hilfe gesucht werden – etwa über den Notruf, den ärztlichen Bereitschaftsdienst, eine psychiatrische Ambulanz oder eine vertraute Person vor Ort.

Leiser Praxisbezug
In meiner Privatpraxis für ärztliche Psychotherapie in Lemgo geht es häufig zunächst darum, gemeinsam genauer hinzusehen. Was zeigt sich gerade? Was wurde medizinisch bereits abgeklärt? Was wiederholt sich? Welche Geschichte könnte ein Symptom haben?
Ein solcher Blick kann entlasten. Nicht, weil alles sofort verschwindet. Sondern weil ein Mensch beginnt, sich selbst weniger als „falsch“ zu erleben.
Manchmal ist das der Anfang einer echten Veränderung.
Medizinisch-psychotherapeutischer Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung. Körperliche Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden. Wenn Sie sich akut gefährdet fühlen oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte umgehend an den Notruf, den ärztlichen Bereitschaftsdienst, eine psychiatrische Ambulanz oder eine vertraute Person vor Ort.
Abschlussgedanke
Tante Erika aus Großröhrsdorf in Sachsen würde vielleicht sagen:
„Nu, Kind, manchmal macht de Seele keenen Krach. Se stellt bloß so’n kleenes Lämpchen hin und wartet, bis de endlich fragst: Was willste mir denn zeigen?“



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